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theatrale subversion | Why, Michael, why?
 

BLOG – Die Hirnschleuder

der theatralen subversion

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08. '16

Why, Michael, why?

Morgen fahren wir nach Braunschweig um die Bühne und Technik einzurichten und am Freitag ist dann endlich die Premiere von „Die Kunst zu sterben“. Es wird also allerhöchste Zeit ein bisschen mehr über die Produktion zu verraten. Und das machen wir indem wir unser beliebtes Interviewformat wieder aufleben lassen und dem Regisseur Michael McCrae, der zusammen mit Romy Weyrauch (Co-Regie) das Stück inszeniert hat, ein paar Fragen stellen.

michael

Lieber Michael, die Idee von „Die Kunst zu sterben“ kam von dir. Kannst du in wenigen Sätzen zusammenfassen, um welche Inhalte es in dem Projekt geht?

Ausgangspunkt der Produktion ist die Auseinandersetzung mit dem Bühnentod bzw. dem Sterben auf der Bühne. Glücklicherweise konnten Romy und ich die 76-jährige Schauspielerin Ilse Bendin für das Projekt gewinnen. Sie ist die Protagonistin von „Die Kunst zu sterben“ und wird auf der Bühne einen Rückblick auf ihr bewegtes Leben und natürlich auch bewegte Theater-Karriere wagen. Ilse Bendin hat drei Staatsformen erlebt, sie ist im Krieg geboren, hat einen Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht und dort Theater gespielt, hat aber auch nach der Wende im wiedervereinten Deutschland auf Bühnen und vor Kameras gestanden. Ihre Biographie ist also voller Brüche und Widersprüche. Gemeinsam mir Ilse suchen wir nach Parallelen aber auch Unterschieden zwischen dieser Biographie und den Rollen, die sie gespielt hat. Auf Theaterbühnen sterben Figuren ja meist aus gutem Grund: für ihre Überzeugungen, aus Liebe oder weil sie mit verschiedenen Auffassungen von Recht und Gerechtigkeit in Konflikt geraten, wie in der antiken Tragödie. Kurz: Der Bühnentod ist oftmals ein Moment des verdichteten Sinns. Im „echten Leben“ ist es dagegen oft sehr schwer angesichts des Todes Sinn zu erzeugen. Dieses Spannungsfeld bearbeitet „Die Kunst zu sterben“.

Und wie habt ihr das ästhetisch umgesetzt?

Den Proben ist eine lange Recherchephase vorausgegangen. Romy und ich haben mit Ilse Bendin mehrere lange Interviews geführt. Daraus sind sehr persönliche Texte entstanden – sie geben einen Eindruck vom Ringen um die Erzählung des eigenen Lebens unserer Protagonistin. Zugleich standen die Bühnentode, die Ilse schon gestorben ist, im Fokus. Wir haben nach jenen Todesszenen gesucht, die auf unterschiedliche Arten mit dieser Biographie verknüpft sind und uns als Folie dienen; die Kommentar oder Ausgangspunkt sind für das autobiographische Berichterstatten. Diese Tode werden nacherzählt aber auch nachgespielt. Der dokumentarische Charakter der Arbeit wird ästhetisch durch unterschiedliche Materialien unterstützt – Fotos, O-Töne, Dokumente – die wir medial in die Inszenierung eingearbeitet haben. Trotzdem würde ich „Die Kunst zu sterben“ nicht als dokumentarisches Theater bezeichnen. Vielmehr wird das augenscheinlich Authentische oder auch Autobiographische immer wieder in Frage gestellt. Es geht uns auch um die Unmöglichkeit ein konsistentes Narrativ des eigenen Lebens zu entwerfen. Auf der Bühne stehen und sterben neben Ilse meine Co-Regisseurin Romy Weyrauch, die auch performt und die Sound-Künstlerin Stephanie Krah. Romy und Steph nehmen verschiedene Funktionen ein: Sie sind Anspielpartnerinnen, die in verschiedene Rollen schlüpfen, zugleich Bühnenarbeiterinnen und Komplizen. Stephanie Krah entwirft zudem einen Live-Soundtrack des Körpers der Protagonistin, dessen Inszenierung einen weiteren ästhetischen Schwerpunkt des Abends bildet. Wie sie das macht, möchte ich allerdings an dieser Stelle noch nicht verraten.

Wie bist du darauf gekommen? Hast du einen persönlichen Bezug zu dem Thema?

Was den persönlichen Bezug angeht, kann ich nur sagen: Die Frage danach wie man sterben möchte, wird wohl für die meisten Menschen früher oder später existentiell – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie viele andere bin ich im persönlichen Umfeld damit schon konfrontiert worden. Und da geht es ja nicht nur um Sterbehilfe und Selbstbestimmung. Ich glaube angesichts des Todes wird eigentlich eine andere Frage sehr wichtig: Wie möchte ich leben? Beziehungsweise: Welche Form gebe ich meiner Existenz – besonders im Rückblick? Das Thema ist also unüberschaubar groß und betrifft zugleich jeden.

Die konkrete Idee eine Performance zu diesem Thema zu machen, trage ich jetzt schon einige Jahre mit mir herum. Es klingt vielleicht makaber, aber irgendwann las ich zufällig einen Artikel über einen Judas-Darsteller in Brasilien, der während eines Passionsspiels tödlich verunglückte. Die Figur des Judas begeht in dieser Inszenierung Selbstmord durch den Strick. Tragischerweise machte der Darsteller wohl einen Fehler bei einer Vorstellung und strangulierte sich wirklich, was zuerst niemand bemerkte. Wenn wir im Theater sind, gehen wir ja auch nicht davon aus, dass da jemand wirklich sterben könnte. Aber mit dem „wirklichen“ Tod hört das Theater natürlich auf. Schlimmer kann eine Inszenierung nicht scheitern. Trotzdem wird ja in der Theaterliteratur unglaublich viel gestorben – man denke nur an Shakespeares Dramen. Mir wurde klar, dass der Tod auf der Theaterbühne eine besondere Rolle spielt. Einerseits ist er das Ende jeder Darstellung und gleichzeitig offenbart sich das Theater im Moment eines Bühnentodes selbst. Das fand ich einfach sehr interessant.

Du hast zwar schon kleinere Regiearbeiten gemacht, bist aber zum ersten Mal hauptverantwortlich für ein Projekt mit größeren Produktionspartnern und Förderern und mehreren Spielstätten in verschiedenen Bundesländern. Magst du kurz beschreiben wie es sich bisher für dich anfühlt so zwischen großer Chance und großer Verantwortung?

Ich begreife die Zusammenarbeit mit der theatralen subversion wirklich als tolle Chance. Nach meinem Studium in Gießen bin ich ja erst recht frisch in Dresden und da ist es natürlich eine super Gelegenheit euer Know-How und die Produktionsstrukturen der theatralen subversion im Rücken zu haben. Zugleich hat sich in der aktuellen Zusammenarbeit der Eindruck verstärkt, dass man auch ästhetisch eine gemeinsame Sprache spricht, was mich zum Punkt Verantwortung führt. Für die Produktion „Die Kunst zu sterben“ teile ich mir die künstlerische Leitung mit Romy, was wirklich erstaunlich gut funktioniert. Dann sind mit Stephanie Krah eine tolle Theater-Musikerin und mit Katja Turtl eine ebenso tolle Bühnen- und Kostümbildnerin mit im Boot. Die künstlerische Verantwortung liegt somit auf verschiedenen Schultern, was mich nicht nur persönlich entlastet, sondern auch meiner Vorstellung von Theaterproduktion im Team und mit klaren Zuständigkeiten entspricht. Außerdem haben wir mit Martin ja auch noch einen sehr erfahrenen Produzenten im Hintergrund, was extrem wichtig für ein konzentriertes künstlerisches Arbeiten ist. Kurzum: Die Realisierung des Abends ist Chance und große Verantwortung zugleich, was aber von einem super Team aufgefangen wird, weshalb – bis jetzt – noch keine Panikattacken oder ähnliches zu vermelden sind.

Als Absolvent der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen haftet dir ja automatisch der Stallgeruch des Avantgardisten und Theaterzertrümmerers an. So warst du zum Beispiel bei einer Kunstaktion beteiligt, die darin bestand, die Hauptbühne des Maxim-Gorki-Theaters zu besetzen, um auf die ökonomische Situation von Theatertreibenden aufmerksam zu machen. Was bringt dich dazu mit Bühnentode eine doch eher konventionelle Stückentwicklung zwischen Sprechtheater und Bühnenperformance zu versuchen? Was macht die Konzeption besonders?

Erstmal glaube ich, dass das mit dem Stallgeruch und dem Zertrümmern so Zuschreibungen sind, die sich seit den 90er Jahren halten, aber eigentlich keine wirkliche Aussagekraft mehr besitzen. Einfach immer alles zu Zertrümmern interessiert mich auch gar nicht, dafür muss es ja auch erst mal was zum Zertrümmern geben. Vielmehr möchte ich mir die Freiheit eingestehen verschiedene ästhetische Umsetzungen für verschiedene Inhalte finden zu dürfen, die ich bearbeiten will. In Berlin am Maxim-Gorki ging es zum Beisiel darum ein Festival-Beitrag zum Thema „Aufstand proben“ einzubringen. Die Gießener Studierenden zu denen ich damals gehörte, wollten auf die ökonomische Ausbeute von Kulturschaffenden in der freien Szene – besonders hinsichtlich eben solcher Festivalstrukturen – aufmerksam machen, bzw. die Frage aufwerfen, ob sich der Wert von Kunst überhaupt ökonomisch bewerten lässt. Die Besetzung der Bühne als Kunst-Aktion war da einfach ein konsequenter künstlerischer Ansatz. In „Die Kunst zu sterben“ steht nun der Bühnentod und sein Verhältnis zur „realen“ Vergänglichkeit im Fokus. Und in diesem Zusammenhang ist Ilse Bendin nun mal eine Art Expertin. Als Schauspielerin bringt sie bestimmte Darstellungsstrategien und Fähigkeiten mit, die gerade in diesem Kontext sehr interessant sind. Sie kann in verschiedene Rollen schlüpfen – sogar in verschiedene Ausgaben der Figur Ilse Bendin. Und auch wenn ich eher aus dem performativen Theaterkontext komme, finde ich Theatertraditionen, die dann schnell mal unter dem Überbegriff Sprechtheater subsumiert werden, per se nicht uninteressant. Ob das Ergebnis nun konventionell genannt wird oder nicht, sollen andere entscheiden. Was an dem Abend wirklich besonders ist, ist unsere Protagonistin Ilse selbst. Dass sich da jemand mit 76 Jahren und der langen Vorerfahrung am Stadttheater nochmal auf eine für sie wirklich andere Art des Theaters einlässt und so einen tiefen Einblick in ihre Gedankenwelt zulässt, hat mich sehr beeindruckt.

Du hast ja von der theatralen subversion eine Menge Vertrauensvorschuss bekommen nach der Assistenz bei „Terra Cognita“ gleich ein eigene Idee umsetzen zu dürfen. Wie kam das zustande? Bist du jetzt Mitglied des Kollektivs? Wie sehen deine künstlerischen Pläne für die Zeit nach dem Projekt aus?

Ich bin vor mittlerweile gut einem Jahr mit der Idee an Romy und Martin herangetreten, da ich mir vorstellen konnte, dass die theatrale subversion das richtige Umfeld für die Realisation solch eines Abends bietet. Nach der Produktion „Terra Cognita“, bei der ich ja dann doch stärker in die Stückentwicklung einbezogen wurde, hatte ich zudem den Eindruck, dass ihr auch Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit mir hattet. Und mit beiden Vermutungen lag ich ja offensichtlich ganz richtig. Auf jeden Fall hatte ich nicht das Gefühl, euch zu dem Projekt überreden zu müssen. Was die Mitgliedschaft betrifft: Faktisch bin ich jetzt an den zwei aktuellen Produktionen der thetralen subversion beteiligt. Neben „Die Kunst zu sterben“ unterstütze ich ja auch Martin dramaturgisch bei seiner interaktiven Performance „Mikropolis“, die bald in Weimar im Rahmen des Kunstfestes Premiere feiert. Und da sich die theatrale subversion selbst eher als freies Kunstler*innen-Netzwerk denn als festes Kollektiv begreift, kann man mich aktuell durchaus als Mitglied bezeichnen. Auf jeden Fall kann ich mir eine weitere Zusammenarbeit mit euch gut vorstellen. Wie die genau aussehen könnte, muss man nach den beiden anstehenden Premieren zusammen besprechen. Da habt ihr ja auch ein Wörtchen mitzureden.